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Leuchttürme abschalten ?

Die Abschalt-Welle rollt...

...aktuell vor allem in der Presse

6. Mai 2005


In den Medien finden sich plötzlich zahlreiche Artikel, denen zufolge viele Leuchtfeuer vor der Löschung stehen sollen - was ist da dran ?

Erinnern wir uns: am 31.1.2005 tritt der SPIEGEL eine Debatte los, mit einer nur teilweise zutreffenden Darstellung der Situation. Etwa zeitgleich antworten ca. 60% deutscher Pressejournalisten in einer seriösen Umfrage, dass diese Zeitschrift für sie die erste Informationsquelle darstellt.

In den nächsten Wochen rollt dann prompt die Abschaltungswelle durch die deutsche Presse, die Artikel sind teils besser teils schlechter recherchiert als die Vorlage. Sie gipfeln in Aussagen wie "Roter Sand droht Abriss" oder "Leuchtfeuer werden abgeschaltet" (beides FAZ) und in aus der Luft gegriffenen Zahlen zu Leuchtfeuern und Kosten - festgemacht meist an Feuerträgern, die zwar schon im Januar genannt wurden, die aber teilweise nie zur Debatte standen.

Unveröffentlichter Leserbrief an den SPIEGEL zu "Traufetter: Finsternis an der Küste"

Die Abschaltung von Türmen erfolgt meist nicht wegen mehr GPS-Satellitennavigation. Das hieße, die Weltschiffahrt ganz von den USA abhängig zu machen. "Roter Sand" wurde abgeschaltet, weil man ganz in der Nähe "Alte Weser" errichtet hatte. Der kleine Borkumer Turm hatte das Pech, dass das Fahrwasser, das er sicherte, vom Meer mit Sand zugeschüttet wurde. "Falshöft" war entbehrlich, weil der Bereich seiner Sektoren von gleich mehreren deutschen und dänischen Feuern beleuchtet wird.

Die Wasser- und Schiffahrtsämter rechnen sehr genau, wieviel Positionierungsgenauigkeit man von Feuer zu Feuer pro 1000 Euro bekommt. Dabei schneiden die seitlichen Quermarkenfeuer relativ schlecht ab und sind deswegen weitgehend (an Elbe und Jade fast vollständig) gelöscht. Umgekehrt werden viele der präzisen Richtfeuerlinien noch lange Flüsse und Hafenzufahrten sichern.

Um die Erhaltung von Leuchttürmen und anderen Seezeichen an der deutschen Nord- und Ostseeküste zu fördern, hat sich vor einem Jahr die "Interessengemeinschaft Seezeichen e.V." (IGSZ) gegründet.

Für die IGSZ:
H.-J. Luttermann, F. Toussaint, G. Ulsamer
www.ig-seezeichen.de

Es wird sich also kein souveräner Staat leisten, die Seefahrt in seinen Küstengewässern von anderen Nationen abhängig zu machen. Verließe man sich nur auf GPS, wäre aber die gesamte deutsche Küstenschiffahrt von jenseits des Atlantiks abschaltbar - das hat niemand vor. Da helfen wegen möglicher Störsender auch GLONASS und Co. nicht.

Zur Sache:
Wer liest, dass Feuer zum Stromsparen abgeschaltet oder gedimmt werden, muss dem Artikel mit Vorsicht begegnen. Schon eine überschlägige Rechnung zeigt, dass da übers Jahr beim besten Willen nichts zusammen kommt - jedenfalls im Vergleich zu Personal- und Bauunterhaltungskosten.

Richtig ist, dass seit ein bis zwei Jahrzehnten alle und alles auf den Prüfstand kommen - nicht nur bei der deutschen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV). Daher sind Feuer gelöscht worden - soweit ist der Artikel richtig. Allerdings in praktisch keinem Fall ausschließlich wegen GPS - soweit er dies andeutet, ist er falsch. Und schon gar nicht sind Abschaltungen etwas, was es erst in jüngster Zeit gibt.

Gelöschte Feuer der vergangenen Jahre (Auszug)

1992Pagensand-Mitte
1995Steindeich
1996Neuland (an Bundeswehr)
1998 Wenigstens 6 Quermarken an der Jade
1999Großer Vogelsand
1999Ranzow
2001Cuxhaven
2001Langlütjennordsteert
2002Falshöft
2002Pellworm UF
2003Borkum, Kleiner Leuchtturm

Der eigentliche Hintergrund ist ein anderer. Die Dicken Pötte fahren tatsächlich vielfach nach der Elektronik - für die Sportschiffer sieht das schlechter aus. Da haben nur wenige mehr als eine einfache GPS-Koordinatenanzeige - die hilft bei Sturm auf einem tanzenden Bötchen wenig. In der Kosten-Nutzen-Abwegung gibt es aber die Tendenz, die visuelle Navigation zum Rückfallsystem für die elektronische zu machen. Damit bleiben die Leuchtfeuer erhalten, können jedoch stellenweise ausgedünnt werden.

Aber an welchen Stellen? Hier setzt nun die Diskussion an. Auf der Roten Liste stehen natürlich solche Feuerträger, bei denen sich hohe Unterhaltungskosten mit relativer nautischer Entbehrlichkeit treffen. Beispiele für den ersten Fall sind oft im Meer stehende Türme. Das Zweite gilt natürlich für Türme, deren Wirkungsbereich sich mit dem anderer Feuer überschneidet.

Die Entscheidung wird aber in jedem Einzelfall getroffen. Für Lt Kiel stehen erhebliche Instandsetzungskosten an, aber dort ist die Antwort auf die Frage "Wer soll das bezahlen?" sehr viel kniffliger als zum Beispiel für den deutschen "National-Leuchtturm" Westerhever. Aber auch aus anderen Ursachen wird es immer wieder zu Stilllegungen kommen. Man wird aus Kostengründen stets versucht sein, aufwändige Bauten durch schlichte Masten zu ersetzen, soweit das denn möglich ist. In sollchen Fällen sind die Bürger vor Ort und die Gemeinden gefordert, ein Erhaltungskonzept zu erstellen.

Die Interessengemeinschaft Seezeichen, e.V. (IGSZ) hat sich im April 2004 mit dem Zweck gegründet, den wünschenswerten Schutz unseres Maritimen Erbes im Bereich des Seezeichenwesens zu befördern. Wer Interesse hat, findet auf der Website des Vereins die nötigen Informationen einschließlich eines Beitrittsformulars. Das nächste Treffen der Mitglieder findet im August auf Usedom statt.

Bei allem Respekt davor, dass Verkehrsverwaltungen keine Denkmalschutzämter sind: Die Forderungen an die Wasser- und Schiffahrtsdirektionen sind klar formuliert. Sobald abzusehen ist, dass ein schützenswerter Turm aufgegeben wird, sollten Gemeinde und Öffentlichkeit informiert werden, damit die Diskussion über das "Danach" eröffnet ist. Geld und Konzepte für den Denkmalschutz lassen sich nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate beschaffen.

In der Vergangenheit ist das nicht immer optimal gelaufen. Je mehr aber in der Bevölkerung das Bewusstsein für diese Problematik wächst, desto eher wird die WSV Seezeichen in pflegende Hände übergeben können. Jedenfalls sind engagierte Mitarbeiter der WSV bei klammen Kommunen und teils mit Maritimem überstrapazierter Bevölkerung nicht immer auf offene Türen gestoßen, wie die Beispiele von Cuxhaven und der alten Seetonne von 1695 zeigen. Hier will die IGSZ vermitteln.

 

Frank Toussaint, 6. Mai 2005


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